Stellungnahme zur Video-Ansprache von Bürgermeister Werner Dietrich zur Erweiterung der Zement- und Kalkwerke (ZKW) Otterbein
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Stellungnahme zur Video-Ansprache von Bürgermeister Werner Dietrich zur Erweiterung der Zement- und Kalkwerke (ZKW) Otterbein

Sie lesen ein Statement von Florian Fritzsch zur Video-Ansprache des Bürgermeisters Werner Dietrich zur Erweiterung des ortsnahen Kalksteinabbaus der Zement- und Kalkwerke (ZKW) Otterbein:

Zunächst einmal möchte ich darauf hinweisen, dass es sich bei der Ansprache von Bürgermeister Dietrich um die Darstellung seiner eigenen Meinung handelt, die er sich aufgrund der langjährigen Erfahrung im Umgang mit der Thematik gebildet hat. Er stellt seine Erkenntnisse den Bürgerinnen und Bürgern Großenlüders als Information vollumfänglich zur Verfügung. Gerne möchte ich Ihnen meine Position zur Thematik darlegen.

Bereits im Rahmen meiner Antrittsrede am 5. August 2020 habe ich deutlich gemacht, dass es mehr als betrüblich ist, dass nach der öffentlichen Bürgerinformation der Unternehmensleitung und der Gemeinde Großenlüder im November letzten Jahres wortwörtlich ein „Riss“ durch die Gemeinde und insbesondere den Ortsteil Müs geht. Zwischenmenschliche Beziehungen stehen vor einer Zerreißprobe, werden teilweise abgebrochen – der soziale Frieden scheint in Gefahr. Es gilt, den Ort wieder zusammenzuführen. Im Rahmen einer Interessensabwägung muss der Versuch unternommen werden, die derzeit diametral entgegengesetzten Meinungen in eine versöhnliche Verständigung zu überführen. Als Grundvoraussetzung muss dafür eine Dialogbereitschaft aufseiten aller Beteiligter vorhanden sein. Äußerungen und Kommentare sind hinsichtlich ihrer Wortwahl zu überprüfen. Bei der Artikulation berechtigter Interessen dürfen nicht Einschüchterung und Druck oder Übertreibungen und Anschuldigungen in den Vordergrund treten. 

Natürlich ist es nicht nur jetzt mein Anliegen, mit allen Beteiligten (Unternehmensführung, Bürgerinitiative) Gespräche zu führen, sondern diesen Prozess des Austausches zu verstetigen. Das Zement- und Kalkwerk wird sowohl mit der geplanten Erweiterung und Tieferlegung als auch ohne die Umsetzung dieser Planungen noch über viele Jahre das Ortsbild prägen und den Betrieb weiterführen können. Daher ist in der momentanen Auseinandersetzung zwischen dem Erweiterungsvorhaben auf der einen Seite und dem Status quo auf der anderen Seite zu differenzieren. Auch der derzeitige Betrieb stellt für viele Anlieger eine Belastung durch Lärm, Staub und Schadstoffemissionen dar. Hier sind zeitnah und stetig Verbesserungen im Sinne der Menschen in Großenlüder umzusetzen. Die Unternehmensleitung hat im persönlichen Gespräch deutlich gemacht, dass durch die Analyse bestehender Prozesse sukzessive Fortschritte erzielt werden. Gerade im Zusammenhang mit vorhandenen Schallemissionen sehe ich auch kurzfristig weiteres Verbesserungspotenzial.

Bei dem geplanten Erweiterungsvorhaben hat die Unternehmensleitung der ZKW Otterbein eine unternehmerische Entscheidung getroffen, die es zunächst zu respektieren gilt – zumal das familiengeführte Unternehmen wie auch die vielen anderen in Großenlüder ansässigen Firmen und Betriebe für die Attraktivität der Gemeinde wie auch für eine Vielzahl an Arbeitsplätzen in der Region verantwortlich sind. Die Erweiterung des Steinbruchs sei, so die Geschäftsführung, notwendig, um die Produktion auf heutigem Niveau auch in Zukunft fortsetzen zu können. Die Erweiterung sei für den langfristigen Erhalt des Standorts notwendig, damit die Rohstoffversorgung und -veredelung in der Region nachhaltig gesichert werden kann. Die Entscheidung basiert meiner Meinung nach allerdings rein auf ökonomischen Gesichtspunkten. Die Belange der benachbarten Menschen, die Belange der Umwelt und der Natur finden keine (ausreichende) Berücksichtigung.

Mit der unternehmerischen Entscheidung ging zwar die Idee einher, die Bevölkerung möglichst frühzeitig und transparent zu informieren. Dieser zunächst eingeschlagene Verfahrensweg war auch zu begrüßen gewesen und verdient Respekt. Allerdings wurde es sowohl während der ersten Veranstaltung als auch im Nachgang versäumt, die berechtigte Kritik und die artikulierten Sorgen und Ängste der Bürgerinnen und Bürger aufzunehmen und für Verbesserungen zu sorgen. Der mittlerweile auf der Homepage der ZKW installierte „Nachbarschaftsdialog“ (https://www.zkw-otterbein.de/nachbarschaftsdialog) ist ein erster Schritt, verloren gegangenes Vertrauen aufzubauen, kommt aber nach den Auseinandersetzungen der vergangenen Monate zu spät.

Das Unternehmen bleibt insbesondere die Antwort auf die Frage schuldig, welche Konsequenzen die Bürgerinnen und Bürger durch eine Erweiterung zu befürchten haben. Mehr noch: Welche Auswirkungen hat die Erweiterung auf die ökologische Balance (Schadstoffemissionen, Lärm, Staub, Auswirkungen auf den Grundwasserspiegel)? Darüber hinaus braucht es absolute Sicherheit bei der Rekultivierung und den dafür benötigten finanziellen Ressourcen. Es darf nicht bei der bloßen Vision bleiben, dass der „Krater“ irgendwann wieder der Natur überlassen wird. Deshalb habe ich die Gründung der Bürgerinitiative „Unsere Heimat um den Langenberg“ sehr begrüßt. Die Initiative bündelt und artikuliert die berechtigen Sorgen und Ängste. 

Für mich steht unumwunden fest: Eine Verschlechterung der Lebensbedingungen ist nicht hinnehmbar. Auch wenn sich das Unternehmen an alle gesetzlichen Vorgaben zu halten scheint, ist es dennoch verständlich, dass ein Heranrücken des Steinbruchs bis auf 135 Meter an den Ortsteil Müs mit Vorbehalten verbunden ist. Das Wohlbefinden und die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger Großenlüders müssen hier und heute, aber auch in Zukunft an erster Stelle stehen. Die Bewahrung der Lebensgrundlagen muss auch für die kommenden Generationen gesichert sein. Großenlüder ist als Wohnstandort überaus beliebt, plant zurzeit neue Baugebiete in den Ortsteilen Großenlüder, Uffhausen und Kleinlüder. Damit soll die anhaltende Nachfrage befriedigt werden. Vor allem junge Familien zieht es (wieder) nach Großenlüder. 

Sowohl das Regierungspräsidium Kassel als auch die Regionalversammlung Nordhessen müssen die örtlichen Verhältnisse bei einer anstehenden Entscheidung berücksichtigen. Die Gewichtung von Schutz und Prävention vor schädlichen Umwelteinwirkungen (§ 1 BImSchG) muss deutlich werden. Zur Untermauerung kann sicherlich auch das Ergebnis der Jugend- und Bürgerbefragung im Ortsteil Müs und Teilen von Uffhausen herangezogen werden. Daher wird es in den nächsten Wochen und Monaten auch darum gehen, mit den politischen Entscheidungsträgern der Regionalversammlung Nordhessen ins Gespräch zu kommen und Überzeugungsarbeit zu leisten.

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